Leseprobe

Ein Genuss mit Grenzen

 

 

Das Erwachen am frühen Morgen auf dem Pass ist von traumhaften Augenblicken begleitet. Die Landschaft löst sich langsam aus dem Dunkel der Nacht, gewinnt mehr und mehr an Kontur und strahlt endlich auf im roten Leuchten der Sonne, das immer heller und intensiver wird. Kurz vor acht Uhr marschiere ich bereits in Richtung Morella. Ich bin guter Laune und erwarte ungeduldig den Augenblick, wo die Stadt zum ersten Mal noch ganz in der Ferne am Horizont auftauchen wird: braun-weiße Häuser, eingerahmt von einer beeindruckend hohen Stadtmauer mit intakten gewaltigen Toren, malerisch gruppiert um einen ziemlich steilen Berg. Das Ganze wird hoch oben gekrönt von der gut erhaltenen Ruine eines Castillos, Schauplatz vieler blutiger Auseinandersetzungen. Es ging um die Vorherrschaft über dieses Gebiet der Puertos de Morella.

Vorerst genieße ich die wunderschöne Landschaft. Es ist allerdings ein Genuss mit Grenzen im wahren Sinne des Wortes. Die Landschaft ist gleich doppelt eingezäunt. Das dient vor allem dem Schutz der Stierherden, die hier zu Hause sind, dem Schutz der Menschen natürlich auch. Doch die Frage, wer hier vorrangig vor wem geschützt werden muss, ist wohl rein philosophischer Natur. Zuerst kommt, von der Straße aus gesehen, ein einfacher Elektrodrahtzaun. Der misst in etwa einen Meter Höhe. Sieht harmlos aus, ist es aber nicht! Ein paar Meter dahinter folgt ein richtig hoher stabiler Weidezaun aus robustem Eisendrahtgeflecht. Er ist unüberwindlich für den Wanderer, für die Stiere hoffentlich auch.

Rechts und links der Straße finden sich gelegentlich mit Büschen und Bäumen bestandene schattige Weiler. Sie laden förmlich zur Rast ein, und jeder Vorüberkommende würde der Verlockung auch gerne folgen. Sie sind jedoch wegen der Zäune dazwischen unerreichbar. So bleibt jedem, der hier zu Fuß entlanggehen will, nur der Randstreifen einer sonnenheißen, weichgeschmolzenen Bitumenstraße und der wahnsinnige Verkehr der großen Trucks, die im Minutentakt versuchen, den Wanderer von der Strecke zu pusten.

Einmal habe ich doch das Glück, der Gefangenschaft der Straße zu entkommen. Bauarbeiten, die eine Schneise in das Weidezaunland gerissen hatten, geben zufällig den Weg frei bis hinunter zum Rio Bergantes. Er führt sogar  ordentlich Wasser. Das ist schon selten genug. Ich genieße die Rast an seinem grünen grasigen Ufer, strecke mich lang auf dem Rücken aus und schaue minutenlang in den strahlend blauen Himmel.

Die Siesta gibt mir Kraft für den nun folgenden quälend langen Aufstieg zu einem der Stadttore Morellas – dem Puerto de Sant Mateu. Doch ich liebe nun mal den Einzug in das Bergstädtchen gerade durch dieses Tor, das benannt ist nach einem Ort, über den ich bereits berichtete. Hier kommt man am alten Waschhaus vorbei, wo das Wasser in großen steinernen Trögen noch immer so munter plätschert wie vor hundert Jahren schon. Ich halte an, wasche mir in dem klaren kalten Strahl Gesicht und Nacken. Das tut gut und erfrischt augenblicklich.

Dass hier einige der älteren Einwohnerinnen tatsächlich noch immer ihre Wäsche waschen, ist leider ein seltener Anblick geworden. Längst hat in Spanien die moderne Technik Einzug gehalten. Doch es gibt einen wichtigen Unterschied, den man bedauern kann oder nicht: Mit seiner Waschmaschine ist jeder allein, im Waschhaus war man unter vielen.


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